Titel Pechvogel

„Ja, man glaubt‘s ja nicht, was man sich da bieten lassen muss! Hast es g‘hört, Manfred? Schleimköpf‘ wären wir zwei!“

Diese Geschichte gibt es als Einzel-eBook bei Amazon für 0,99 Euro sowie im Sammelband 1 „Dorfgeschichten aus Niederbayern“.

Herbert lebt in der niederbayerischen Gemeinde Augsee und wurde schon sein Leben lang von allen möglichen und unmöglichen Missgeschicken heimgesucht. Mit kindlichem Optimismus gesegnet und Dank seiner besonderen Gabe, in jedem Unglück, das ihm widerfährt, immer auch ein Stück Glück für sich zu finden, war sein Leben dennoch voller Freude und Zufriedenheit. Eines Tages jedoch konfrontiert ihn sein Missgeschick mit einem unglaublichen Albtraum.
„Der Pechvogel“ ist eine tragisch-komische Kurz­geschichte, die mit leichtem „bajuwarischem Plauderstil“ und feinem Wortwitz schmunzeln lässt aber auch tief berührt.

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LESEPROBE:

…. Der Hauser Herbert war immer schon ein Mensch, dem Dinge widerfahren, die andere ihr ganzes Leben nicht erleben müssen. Ein Pechvogel in Abenteuerlaune, möchte man sagen. Alle in dem kleinen niederbayerischen Dorf wussten, dass das Missgeschick Herbert hieß. Nur der Herbert sah das anders.

Trotzdem sich immer wieder alle denkbaren und undenkbaren Widrigkeiten dieser Welt über den Herbert ergossen, war sein Leben keineswegs freudlos für ihn. Denn bei seinen zahlreichen Missgeschicken hatte er eh immer Glück im Unglück, und so viel Glück müssten andere erst einmal haben, meinte er immer.

»Schau, solang ich noch leb‹ und alles wieder verheilt, da hab ich doch eh Glück gehabt. Ich könnt‹ ja auch tot sein. Weißt, wie ich mein‹?«, war Herberts Antwort, wenn es mal wieder geheißen hat:

„Ja, um Gottes Willen, Herbert, wie kann ein einzelner Mensch nur so viel Pech haben? Ja, du liebe Zeit! Schau dich an, wie du wieder zugerichtet bist!“

Wie damals, als er im Alter von gerade einmal zehn Jahren in den alten, ausgetrockneten Brunnenschacht am Burgberg gestürzt war. Das war ein Unglück. Dass aber nach etwa drei Metern Fallhöhe so viel Wurzelwerk in den gemauerten Schacht eingedrungen war, dass er sich darin gerade noch verfangen hatte, das war dann Glück. Denn so blieben ihm weitere fünfzehn, vielleicht zwanzig Meter freien Falls zwischen modrigen Granitsteinwänden und ein unerfreulicher Aufschlag auf dem trockenen Brunnenboden erspart.

Vielleicht lag es ja daran, dass der Herbert ein recht naturbelassener Mensch war. Die Errungenschaften zeitgemäßer Logik waren ihm immer verschlossen geblieben. Vorausschauende Handlungsweisen gehörten daher nie zu seinen Stärken.

Mit siebzehn Jahren zum Beispiel, da hatte er auch Glück. Mit seinem fast neuen Moped wollte er gerade einen Bahnübergang überqueren und meinte, noch unter den sich bereits senkenden Schranken hindurchfahren zu können, weil der Zug wäre ja eh noch weit weg und die Schranken noch weit genug auf. So drehte er also seine „watercooled“ – der Moped-Hit jener Tage – noch mal auf. Herbert hatte sich öfter geirrt.

Nachdem er seinen hageren Oberkörper fast bis auf den Tank hinuntergebeugt hatte, rammte er die Schranke mit seinem gesenkten Kopf. Mit der hohen Stirn, gewissermaßen. Der Helm zerbarst in zwei Teile, aber der Schädel blieb ganz. Und Herberts Glück wollte noch kein Ende nehmen: Die schwere Aluminiumbarre fegte ihn nach hinten vom Moped und er blieb noch vor den Geleisen, knapp unter dem metallenem Schlagbaum, benommen auf der Straße liegen. Sein Moped schlitterte währenddessen unter der ersten Schranke durch, schepperte über die Geleisspuren hinweg und rutschte unter der gegenüberliegenden wieder hinaus. So konnte der Zugführer des heranbrausenden Güterzuges ungestört seinen Fahrplan einhalten und Moped und Herbert blieben weitgehend intakt.